Drucken 03.06.2007 20:00
Thomas Siems am 08.06.2007 00:08
neuapostolische Theologie?
In dem vorangestellten Bericht wurde schon deutlich, dass die neuapostolische Kirche früher die Theologie als schädlich erachtete. Früher wie auch heute, besteht in der neuapostolischen Kirche der Glaubensgundsatz, dass Gottes Wort allein vom Heiligen Geist vermittelt wird, in dem die Wirksamkeit des Heiligen Geistes zu Beginn einer Predigt einsetzt und jeweils zum Ende einer Predigt ausklingt. Es gibt zwar herausgegebene Leitgedanken als Hilfe zur Gestaltung der Predigt, aber dieser Umstand ändert nichts an dem vorgenannten Glaubensgrundsatz.
Der Grund für die Kritik an der Theologie, war auch die Arbeitsweise der katholischen und evangelischen Theologen. Die persönliche Auseinandersetzung der Theologen mit dem Wort Gottes als Vorbereitung für einen Gottesdienst war der Zielpunkt neuapostolischer Kritik. Eine Ausarbeitung einer Predigt für einen Gottesdienst wäre gleichsam die Bildung einer menschlichen Meinung über den Willen Gottes, da Gottes Wort nur durch den Heiligen Geist, gemäß dessen Wirksamkeit nach neuapostolischer Auffassung, vermittelt werden kann. In diesem Zusammenhang wurde der hauptberufliche Charakter der Tätigkeit von Theologen kritisiert, da Christus und später auch Paulus deutlich machten, dass das Wort Gottes unentgeltlich verkündet werden soll. Die hauptberufliche Tätigkeit von Theologen wurde mit einer nicht unentgeltlichen Verkündigng des Wortes Gottes an Gläubige assoziert und somit Ziel schwerer neuapostolischer Kritik.
Heute gibt es von seiten der Kirchenleitung der neuapostolischen Kirche Bestrebungen, eine Theologie zur Schaffung einheitlicher innerkirchlicher Lehraussagen zu erarbeiten.
Hierzu wäre ein Weg, dass die Vertreter der Kirchenleitung selbst zu Theologen werden.
Der Werdegang eines zukünftigen Theologen in der katholischen oder evangelischen Kirche ist unter anderem, dass er sich demütig unter die Lehre Gottes stellt, in Form eines Theologiestudiums. Da Theologie in der neuapostolischen Kirche bisher für unnütz und auch schädlich erachtet wurde, hätte eine selbstständige Aufstellung einer neuapostolischen Theologie von seiten der neuapostolischen Kirche aus einen gewissen zweifelhaften Charakter.
Für den zukünftigen Werdegang eines Theologen empfiehlt sich ein Studium an einer bereits bestehenden Theologie-Fakultät, die innerhalb einer ökumenisch-engangierten christlichen Kirche zu finden ist.
Wortebene und Geistebene der Schriften
Manfred Rüngs schrieb:
Dieser Artikel entstand zeitgleich mit und unabhängig von dem Beitrag "Keine predikale Bibelarbeit ohne das Bewusstsein der kulturellen Übersetzungsbarrieren" von Rudolf Stiegelmeyr und nimmt keinerlei Bezug darauf.
Gestatte mir, lieber Manfred Rüngs, ein paar Worte zu verlieren in Bezug auf dein Postskript. Auch wenn dein interessanter und m.E. sehr wichtiger Artikel keinen Bezug nimmt auf meine Artikelserie zur exegetischen Bibelarbeit, so besteht selbstverständlich und ganz naturgemäß doch ein innerer Bezug zwischen diesen beiden Themenbereichen.
Exegetische Bibelarbeit beschäftigt sich vorrangig mit der Wortebene der Schrift, die auch den übertragenen (figurativen/metaphorischen) Wortsinn miteinschließt. Daran anknüpfend entwickelt die theologische Hermeneutik der Texte jene geistige Brücke zwischen den damaligen und den heutigen Bedeutungswelten, die nicht direkt im Wortsinn der Schriften enthalten ist, weil sie nicht Teil der Lebenswirklichkeit ihrer Schreiber war, aber gleichzeitig doch Offenbarungskerne in sich trägt, die über diesen zeit- und kulturbeschränkten Wortsinn der Wortebene hinausgehen. Das jüngst vorgestellte Werk von Papst Benedikt XVI. ist gerade hierfür beredtes Beispiel.
Ein Fallbeispiel:
Die Vorstellung der Sintflut auf der Wortebene, welche ja das mythologische Kulturerbe vieler Völkerschaften, nicht nur des biblischen Israels ist, erstreckt sich auf die Bedeutung eines offensichtlich weltweiten „Katastrophen-Erbes“, welches zuerst in mündlicher und dann in schriftlicher Tradierung über die Generation weitergereicht (und sicherlich dabei verändert wurde) wurde und offenbar ein Urgeschehen der Menschheitsgeschichte beschreibt, welches möglicher- aber nicht notwendigerweise mit einer großen Überschwemmung zu tun gehabt haben mag.
Jenseits dieser Wortebene, und das ist nun die Aufgabe theologischer Hermeneutik und nachfolgend Teil interpretierender Theologie, aber gibt es eine Geistebene, ich nenne sie mal eine „Ur-Intuition“, die in eine viel weiterreichende Richtung weist und die ursprüngliche Wortebene dahingehend transzendiert.
Wir alle wissen: Wasser, im Sinne von Regen, ist lebensspendende Notwendigkeit; Wasser, im Sinne von Flut, hingegen, ist lebenszerstörende Urgewalt. Nach neutestamentlicher Lehre nun symbolisiert Wasser auch die Lehre, eine metaphorische Wandlung, welche uns den Einstieg erleichtert auf die Geistebene zu wechseln.
Hier können wir nämlich sagen, dass Lehre als gottgewollte Offenbarung, als lebensspendende Wahrheit, die sich mit und in Jesus Christus ergossen hat, sicherlich notwendige Bedingung für geistiges Leben ist. Lehre als pluralistisches Meinungschaos, als scheinbar notwendige Vielfalt von Wahrheit, wie wir es auch auf so manchen Foren erleben, kann hingegen todbringende Fluten verursachen, nämlich dann, wenn die bestehenden Dämme brechen und diese Meinungen ungeniert sich ergießen über das dürre religiöse Land oder den ausgelaugten Seelenboden.
Seelen, die nie selbständiges Schwimmen gelernt haben, werden dann fortgerissen mit den mancherlei zeitgeistigen Strömungen und finden keinen Halt mehr an den steinigen Klippen widersprüchlicher Meinungen und schnell sich abfolgender Weltbilder.
Auch in diesem Sinne ist Theologie – aufbauend auf der richtigen Deutung der Schriften – eine unabdingbare Notwendigkeit, soll der Glaubenssamen und das aus ihm keimende kleine Pflänzchen der Überzeugung richtig wachsen und gedeihen können. Und insofern bedingt hier eins das andere.
Liebe Grüße
R/S
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