Die neuapostolische Kirche bewegt sich. Aber wohin?

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Braucht die Neuapostolische Kirche Theologie?

Inzwischen finden wir hin und wieder Artikel theologischen Inhalts in der Zeitschrift „Unsere Familie“; teilweise klingt das in Ansätzen auch in Predigten an. Die neuapostolische Leser- und Hörerschaft reagiert darauf unterschiedlich. Neben dem großen Teil der völlig Uninteressierten, die in der Kirche allenfalls ein „Baucherleben“ suchen („Hach, war es wieder schön!“), stehen, wie in allen sonstigen Veränderungssituationen auch, die Gruppen der Bewahrer, der Erneuerer und der Indifferenten.

Begriffserklärung

Da die Neuapostolische Kirche sich in der Vergangenheit ausdrücklich von der Theologie distanzierte und sie sogar als schädlich bezeichnete, erscheint es erforderlich, zunächst einmal zu bestimmen, was dieser Begriff überhaupt bezeichnet.

Bei der ausdrücklichen Ablehnung aller Theologie wird als Begründung oft die Stelle in Philipper 3, 7 und 8 angeführt, in der Paulus sagt: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne.“ Hier zeigt sich, daß die Tradition, Textteile aus dem Zusammenhang zu reißen, in die Irre führt, denn Paulus schreibt zuvor, daß er sich nach den jüdischen Gesetzen als untadelig betrachten könne – also nichts von seiner oder irgendeiner Gelehrsamkeit!

Es soll hier nicht unterschlagen werden, daß Paulus im Kolosserbrief 2,1 vor Philosophie warnt, ebenfalls ein gern und oft gebrauchtes Zitat, welches aber in dieser Form noch mehr verkürzt ist als das oben angegebene. Im selben Satz nämlich erläutert Paulus, von welcher Philosophie und welchem „leerem Trug“ er spricht, nämlich „gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus“.

Auch wenn hier in enger Auslegung nicht von Philosophie sondern von Theologie die Rede sein soll, so gilt für beide: Wenn Christus als Grund christlichen Glaubens Grund der christlicher Theologie ist, kann sie nicht verwerflich sein.

Theologie als systematisch reflektierende Entfaltung von Glaubensaussagen ist im Gegenteil unverzichtbar, um Irrwege in der Verkündigung zu vermeiden. Das scheint in einer pneumatischen und charismatischen Glaubensgemeinschaft prima facie widersprüchlich. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Teilthema: Dogmatik

Dieser Begriff taucht sofort auf, wenn über Theologie gesprochen wird. Es ist keinesfalls eine Sammlung von wie auch immer entstandenen Dogmen darunter zu verstehen, sondern die systematische Darstellung der christlichen Glaubenslehre, sozusagen ein Inhaltsverzeichnis ihrer durch die Theologie erkannten unveräußerlichen Grundlagen (in der Neuapostolischen Kirche kennen wir dafür den Begriff „Eckwerte“). Die Dogmatik darf, wie erwähnt, keine Dogmensammlung werden, sondern sie hat im Gegenteil dazu die Aufgabe, zu verhindern, daß Lehrsätze zu Dogmen werden, obwohl sie in das Theologiegebäude nicht hineinpassen, ja sich sogar widersprechen. Sie ist deshalb ein unerläßlich wichtiges Teilthema der Theologie.

Theologie und Verkündigung

Nachdem wir zu einem einheitlichen Begriffsverständnis (in dem Umfang, in dem wir es hier benötigen) gelangt sind, Stellen wir die Frage, ob eine pneumatische und charismatische Gemeinschaft die „Krücke“ der Theologie braucht. Es kann die Frage entstehen, ob eine Kirche, die sich auf die Urkirche beruft, nicht auch wie diese die Theologie sogar ablehnen muß. Dazu ist zunächst anzumerken, daß Theologie nicht deshalb zur Theologie wird, weil sie im Vorlesungsverzeichnis einer Universität auftaucht. Der Begriff, vom griechischen theologia abgeleitet, bedeutet nichts anderes als „Rede, Lehre von den Göttern“. Er ist erstmals bei Platon bezeugt als Reinigung der griechischen Götterlehre von den Abstrusitäten der Mythenerzählungen.

Bei analoger Auslegung hat bereits Jesus Christus Theologie betrieben, denn er lehrte den reinen, von allen historischen und traditionellen Zutaten befreiten Gott. Erst recht sind die Lehrbriefe der urchristlichen Apostel Theologie mit ausgeprägter Dogmatik.

Es ist gar nicht zu vermeiden, Theologie zu betreiben. Auch wer Theologie im Sinne universitärer Ausbildung verwirft, betreibt sie bereits und kann sich ihr nicht entziehen. Wir können also nicht zwischen theologischen und nicht-theologischen Religionsgemeinschaften unterscheiden, sondern nur zwischen guter und schlechter, zwischen sinnvoller und unsinniger, zwischen logischer und widersprüchlicher Theologie.

An der Berechtigung und Wichtigkeit der – im Sinne der obigen Ausführungen ohnehin nicht vermeidbaren – Theologie ändert auch nichts die Tatsache, daß theologische Lehren in der Vergangenheit oft in die Irre führten. Aus der Theologie heraus entstanden schließlich auch alle Reformationsbestrebungen!

In der Neuapostolischen Kirche – wie auch in verschiedenen anderen, Pneuma und Charismen für sich in Anspruch nehmenden Gemeinschaften – wird gern darauf verwiesen, daß der Hl. Geist der Redende sei (Luk 12,12; Joh 14,26). Nun kann der Hl. Geist im Menschen aber nur erwecken, was ihn ihm schlummert, also vorhanden ist. Wer – durchaus guten Willens – nur über ein indifferentes Gefühl allgemeiner Gottesliebe verfügt, wird auch in seiner Verkündigung nicht zu strukturierten und aufschlußreichen Gedanken kommen werden.

Interessengruppen in der Gemeinde

Wie einleitend ausgeführt, sind es, neben der leider meistens größten Gruppe der völlig Desinteressierten, drei Interessengruppen in allen Gemeinden, die es zu unterscheiden gilt: Zusammenfassung und Fazit

Theologie ist also keine abgehobene Gedankenübung, sondern die unvermeidliche Praxis der Entstehung religiöser Erkenntnis. Es ist deshalb das Gebot einer verantwortungsbewußten (und sich auch der Verantwortung gegenüber Gott bewußten) Pastoralaufgabe, sie auf systematische Grundlagen zu stellen.

Für eine Kirche, welche für sich in Anspruch nimmt, pneumatisch zu sein, ist Theologie kein Gegensatz zur geistgewirkten Verkündigung, sondern ihr Extrakt, aber auch ihr Kontrollorgan, an der die Verkündigung sich immer hinsichtlich ihres Standpunktes zu messen hat. Ist es nicht möglich, aus dem Extrakt der Verkündigung eine systematische Theologie zu entwickeln, ist die Verkündigung widersprüchlich und mangelhaft!

Bei einer theologisch begründbaren Verkündigung dürfte es eigentlich nur diese drei Gruppen in den Gemeinden geben: Desinteressierte, Gläubige und Kritiker, wovon nur die letzte Gruppe den theologischen Dialog benötigte. Dieser wäre dann auf der Grundlage sachlich darstellbarer Erkenntnisse sachlicher und zielorientierter zu führen, als das derzeit der Fall wäre, wenn die Kirche denn ernsthaft dialogbereit wäre.

Manfred Rüngs

Dieser Artikel entstand zeitgleich mit und unabhängig von dem Beitrag "Keine predikale Bibelarbeit ohne das Bewusstsein der kulturellen Übersetzungsbarrieren" von Rudolf Stiegelmeyr und nimmt keinerlei Bezug darauf.

Drucken  03.06.2007 20:00

Lesen Sie dazu auch die Kommentare unserer Leser:

Thomas Siems am 08.06.2007 00:08

neuapostolische Theologie?

In dem vorangestellten Bericht wurde schon deutlich, dass die neuapostolische Kirche früher die Theologie als schädlich erachtete. Früher wie auch heute, besteht in der neuapostolischen Kirche der Glaubensgundsatz, dass Gottes Wort allein vom Heiligen Geist vermittelt wird, in dem die Wirksamkeit des Heiligen Geistes zu Beginn einer Predigt einsetzt und jeweils zum Ende einer Predigt ausklingt. Es gibt zwar herausgegebene Leitgedanken als Hilfe zur Gestaltung der Predigt, aber dieser Umstand ändert nichts an dem vorgenannten Glaubensgrundsatz.

Der Grund für die Kritik an der Theologie, war auch die Arbeitsweise der katholischen und evangelischen Theologen. Die persönliche Auseinandersetzung der Theologen mit dem Wort Gottes als Vorbereitung für einen Gottesdienst war der Zielpunkt neuapostolischer Kritik. Eine Ausarbeitung einer Predigt für einen Gottesdienst wäre gleichsam die Bildung einer menschlichen Meinung über den Willen Gottes, da Gottes Wort nur durch den Heiligen Geist, gemäß dessen Wirksamkeit nach neuapostolischer Auffassung, vermittelt werden kann. In diesem Zusammenhang wurde der hauptberufliche Charakter der Tätigkeit von Theologen kritisiert, da Christus und später auch Paulus deutlich machten, dass das Wort Gottes unentgeltlich verkündet werden soll. Die hauptberufliche Tätigkeit von Theologen wurde mit einer nicht unentgeltlichen Verkündigng des Wortes Gottes an Gläubige assoziert und somit Ziel schwerer neuapostolischer Kritik.

Heute gibt es von seiten der Kirchenleitung der neuapostolischen Kirche Bestrebungen, eine Theologie zur Schaffung einheitlicher innerkirchlicher Lehraussagen zu erarbeiten.

Hierzu wäre ein Weg, dass die Vertreter der Kirchenleitung selbst zu Theologen werden.

Der Werdegang eines zukünftigen Theologen in der katholischen oder evangelischen Kirche ist unter anderem, dass er sich demütig unter die Lehre Gottes stellt, in Form eines Theologiestudiums. Da Theologie in der neuapostolischen Kirche bisher für unnütz und auch schädlich erachtet wurde, hätte eine selbstständige Aufstellung einer neuapostolischen Theologie von seiten der neuapostolischen Kirche aus einen gewissen zweifelhaften Charakter.

Für den zukünftigen Werdegang eines Theologen empfiehlt sich ein Studium an einer bereits bestehenden Theologie-Fakultät, die innerhalb einer ökumenisch-engangierten christlichen Kirche zu finden ist.

R/S am 13.06.2007 12:44

Wortebene und Geistebene der Schriften

Manfred Rüngs schrieb:
Dieser Artikel entstand zeitgleich mit und unabhängig von dem Beitrag "Keine predikale Bibelarbeit ohne das Bewusstsein der kulturellen Übersetzungsbarrieren" von Rudolf Stiegelmeyr und nimmt keinerlei Bezug darauf.

Gestatte mir, lieber Manfred Rüngs, ein paar Worte zu verlieren in Bezug auf dein Postskript. Auch wenn dein interessanter und m.E. sehr wichtiger Artikel keinen Bezug nimmt auf meine Artikelserie zur exegetischen Bibelarbeit, so besteht selbstverständlich und ganz naturgemäß doch ein innerer Bezug zwischen diesen beiden Themenbereichen.

Exegetische Bibelarbeit beschäftigt sich vorrangig mit der Wortebene der Schrift, die auch den übertragenen (figurativen/metaphorischen) Wortsinn miteinschließt. Daran anknüpfend entwickelt die theologische Hermeneutik der Texte jene geistige Brücke zwischen den damaligen und den heutigen Bedeutungswelten, die nicht direkt im Wortsinn der Schriften enthalten ist, weil sie nicht Teil der Lebenswirklichkeit ihrer Schreiber war, aber gleichzeitig doch Offenbarungskerne in sich trägt, die über diesen zeit- und kulturbeschränkten Wortsinn der Wortebene hinausgehen. Das jüngst vorgestellte Werk von Papst Benedikt XVI. ist gerade hierfür beredtes Beispiel.

Ein Fallbeispiel:
Die Vorstellung der Sintflut auf der Wortebene, welche ja das mythologische Kulturerbe vieler Völkerschaften, nicht nur des biblischen Israels ist, erstreckt sich auf die Bedeutung eines offensichtlich weltweiten „Katastrophen-Erbes“, welches zuerst in mündlicher und dann in schriftlicher Tradierung über die Generation weitergereicht (und sicherlich dabei verändert wurde) wurde und offenbar ein Urgeschehen der Menschheitsgeschichte beschreibt, welches möglicher- aber nicht notwendigerweise mit einer großen Überschwemmung zu tun gehabt haben mag.

Jenseits dieser Wortebene, und das ist nun die Aufgabe theologischer Hermeneutik und nachfolgend Teil interpretierender Theologie, aber gibt es eine Geistebene, ich nenne sie mal eine „Ur-Intuition“, die in eine viel weiterreichende Richtung weist und die ursprüngliche Wortebene dahingehend transzendiert.

Wir alle wissen: Wasser, im Sinne von Regen, ist lebensspendende Notwendigkeit; Wasser, im Sinne von Flut, hingegen, ist lebenszerstörende Urgewalt. Nach neutestamentlicher Lehre nun symbolisiert Wasser auch die Lehre, eine metaphorische Wandlung, welche uns den Einstieg erleichtert auf die Geistebene zu wechseln.

Hier können wir nämlich sagen, dass Lehre als gottgewollte Offenbarung, als lebensspendende Wahrheit, die sich mit und in Jesus Christus ergossen hat, sicherlich notwendige Bedingung für geistiges Leben ist. Lehre als pluralistisches Meinungschaos, als scheinbar notwendige Vielfalt von Wahrheit, wie wir es auch auf so manchen Foren erleben, kann hingegen todbringende Fluten verursachen, nämlich dann, wenn die bestehenden Dämme brechen und diese Meinungen ungeniert sich ergießen über das dürre religiöse Land oder den ausgelaugten Seelenboden.

Seelen, die nie selbständiges Schwimmen gelernt haben, werden dann fortgerissen mit den mancherlei zeitgeistigen Strömungen und finden keinen Halt mehr an den steinigen Klippen widersprüchlicher Meinungen und schnell sich abfolgender Weltbilder.

Auch in diesem Sinne ist Theologie – aufbauend auf der richtigen Deutung der Schriften – eine unabdingbare Notwendigkeit, soll der Glaubenssamen und das aus ihm keimende kleine Pflänzchen der Überzeugung richtig wachsen und gedeihen können. Und insofern bedingt hier eins das andere.

Liebe Grüße
R/S

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