Die neuapostolische Kirche bewegt sich. Aber wohin?

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Entschlafenenwesen der Neuapostolischen Kirche (Teil 2)

Der Jenseitsglaube der Neuapostolischen geht nicht nur davon aus, dass die Seele des Menschen nach dem Tode weiterlebt, sondern auch, dass die Seelen der Verstorbenen sich durch Fürbitte neuapostolischer Christen im Jenseits noch zu Gott hinwenden können und in den von neuapostolischen Aposteln gespendeten Sakramenten Gnade finden. Dieser Glaube gibt den Gläubigen Hoffnung, Kraft und Trost und lässt sie - wie es in der Schrift Der Jenseitsglaube der neuapostolischen Christen heisst - in der beglückenden Gewissheit, mit denen in engster Geistesverbindung zu stehen, die vor ihnen gelebt haben.

Angenommen, es wäre nun plötzlich alles doch etwas anders als wir bislang glaubten?

Nicht einmal daran denken

Nun, viele gläubige neuapostolische Christen denken nicht einmal daran, sich diese Frage zu stellen, geschweige denn darüber nachzudenken oder gar nachzuforschen.

Der Gründe für solche Zurückhaltung gibt es viele. Da ist einmal die Angst, Liebgewordenes zu verlieren, Hoffnung und Zuversicht aufgeben zu müssen.

Aber möglicherweise hindert uns auch nur blinder Glaube oder Zucht und Ordnung davor, solche Fragen zuzulassen. Oder ist es die Angst davor, erkennen zu müssen, das Apostelwort nicht immer nur biblische Wahrheit ist, wie es uns beispielhaft Bezirksapostel Günter Knobloch in seiner Einleitung zur Schrift Das Entschlafenenwesen, die im April 1986 von Stammapostel Urwyler allen Bezirksapostel abgegeben wurde, beibringen will? Da schreibt dieser Bezirksapostel nämlich über die neuapostolischen Apostel: Trotz Verleumdungen und Verdächtigungen, trotz aller Verdrehungen verkündigen sie die biblischen Wahrheiten, mögen diese auch andernorts längst verworfen und vergessen sein.

Wenn der Bezirksapostel hier schon von biblischer Wahrheit spricht, halten wir es doch einfach mit den freundlichen Beröern: ... sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich's so verhielte. (Apg 17, 11)

Ich liege unter den Toten verlassen ...

Lange lebte das alte Bundesvolk wohl ausschliesslich mit der Vorstellung, dass sich die Verstorbenen zu ihren Vätern im Totenreich versammeln. Gottes Wohlgefallen zeigte sich ihnen in einem langen, erfüllten Leben.

Das Scheol (Totenreich, Jenseits) hingegen war ein von Gott abgetrennter eigener Bereich. So heisst es im Psalm 6, 6 denn auch: Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken? Und auch Hiskia sprach zu Gott: Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue; (Jes 38,18).

Im Psalm 88, 6 kommt die düstere Vorstellung der Menschen über dieses lebensfeindliche Totenreich zum Ausdruck: Ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand geschieden sind.

Wie uneinheitlich jedoch die Vorstellung der Juden über das Geschehen nach dem leiblichen Tod war, zeigt, dass es beim vorstehend erwähnten Propheten Jesaja schon heisst: Er wird den Tod verschlingen auf ewig. (Jesaja 25, 8) In Jesaja 26 spricht der Prophet gar deutliche Zuversicht aus: Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde!

Beim Propheten Daniel hat die Vorstellung über das Danach weiter Form angenommen: Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. (Dan 12, 2).

Interessant in dieser Aussage Daniels ist das Wort schlafen, das eine sinnhafte Entsprechung im Umstand findet, dass der Wesenszustand der Seele nach dem Tod des Körpers nie näher beschrieben ist.

Lazarus, unser Freund, schläft

Im Neuen Testament knüpft nun auch Jesus selbst an dieses schlafen an. Bei der Auferweckung der Tochter des Jaïrus sagte Jesus: Geht hinaus! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft. (Mt 9, 24).

In der Begebenheit mit Lazarus wird diese Verknüpfung von tot sein und schlafen von Jesus selbst unzweifelhaft deutlich zum Ausdruck gebracht: Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken. Da sprachen seine Jünger: Herr, wenn er schläft, wird's besser mit ihm. Jesus aber sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen Schlaf. Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, daß ich nicht dagewesen bin, damit ihr glaubt. Aber laßt uns zu ihm gehen! (Joh. 11, 11-15)

Zwei höchst interessante Fragen ergeben sich aus dieser Geschichte um die Auferweckung des Lazarus, nämlich: Warum weinte Jesus (siehe ebd. Vers 35) angesichts des Todes seines Freundes, obwohl er ja gekommen war, ihn wieder zum Leben zu erwecken? Und warum berichtete Lazarus nichts von dem, was er während der vier Tage seines Totseins erlebte?

... wohin er fällt, da bleibt er liegen

Jesus lässt uns nicht nur in seiner eigenen Auferstehung, sondern auch in seinem Evangelium deutlich erkennen, dass mit dem leiblichen Tod nicht alles zu Ende ist, sondern es ein Weiterleben nach dem Tode gibt. Seine Begegnung mit Mose und Elia anlässlich seiner Verklärung ist ein beredtes Zeugnis dafür. Jesus spricht auch von der Auferstehung der Toten: ... dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Allen Hinweisen Jesus und später seiner Jünger ist jedoch eines gemeinsam: Es lässt sich nirgendwo ableiten, dass den Seelen im Jenseits geholfen werden könnte! Vielmehr bezeugen sämtliche Aussagen im Hinblick auf das Sein nach dem leiblichen Tod des Menschen sinngleich: ... wohin er fällt, da bleibt er liegen. (Prediger 11, 3)

Das geht überdeutlich auch aus dem Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Mann hervor. Vieles wurde über dieses Gleichnis schon gesagt und geschrieben, eine Aussage ist allen Auslegungen gemeinsam: Dem reichen Mann kann nicht geholfen werden!

Selbst in der Schrift Der Jenseitsglaube der neuapostolischen Christen heisst es zu diesem Gleichnis: Das Bild der Kluft drückt aus, dass Gottes Gericht mit dem Menschen unabänderlich ist. Aus dem Gleichnis wird in dieser Schrift auch folgerichtig geschlossen: Hier weist Jesus darauf hin, dass es für die Lebenden entscheidend ist, die Offenbarungen Gottes zu hören und zu tun, um nicht an den Ort der Qual im Totenreich zu gelangen

Die eigene Lehre in die Bibel tragen

Um trotz dem Fehlen von biblischen Hinweisen bezüglich einer Veränderung des Seelenzustandes der Verstorbenen zum Guten hin den Anschein völliger Bibeltreue zu wahren, trägt die NAK kurzerhand ihre eigene Lehre in die Bibel hinein. Mit anderen Worten: Die Lehre wird nicht auf der Bibel aufgebaut, sondern man versucht eine bereits vorhandene Lehre biblisch zu begründen, in dem nachträglich gezielt Bibelstellen gesucht werden, die möglicherweise die Lehre legitimieren könnten.

Ein solches Unterfangen ist, wenn sich - wie typischerweise beim neuapostolischen Entschlafenenwesen - keine stichhaltigen Bibelstellen anbieten, nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen. Daher bedient sich die geistliche Führung der NAK Auslege-Tricks, die theologisch völlig unerfahrene, ja oft sogar bibelunkundige Gläubige nicht erkennen können: Man unterstellt einem (meist aus dem sinngebenden Kontext gerissen) Bibeltext eine ganz bestimmte Wirkung, Absicht oder Aussage, die jedoch bei genauerer Betrachtung nicht nachgewiesen werden können (man bezeichnet diesen ganzen Vorgang auch als Eisegese). Typisch dafür ist beispielsweise, einfachen Nennungen und Aufzählungen von Begebenheiten sowie gewöhnlichen Erzählungen göttliche Offenbarungen und Weisungen zu unterstellen.

Genau das wird bei zwei im Zusammenhang mit dem neuapostolischen Entschlafenenwesen oft genannten Bibelstellen gemacht, nämlich bei der von Paulus im 1. Korintherbrief erwähnten Totentaufe (siehe dazu mehr im Teil 1 dieser Ausarbeitung) sowie auch bei der Begebenheit aus 2. Ma 12, 39 - 46, wo Judas Makkabäus, ein jüdischer Kriegsherr und Freiheitskämpfer, ein Sühnopfer für die Gefallen darbringen lässt.

Beides sind Bibelstellen, in denen nichts, aber auch gar nichts darauf hinweist, dass die erwähnten Handlungen
a) Gott wohlgefällig sind
b) gottgewollte verbindliche Verhaltensweisen darstellen.
Es ist daher unzulässig, mit solchen Bibelstellen eine Lehre begründen zu wollen.

Zudem missachtet die geistliche Führung der NAK andere wichtige Grundsätze der Bibelauslegung. Da wäre zum einen: Zentrale, wichtige Aussagen und Anweisungen werden in verschiedenen Zusammenhängen und meist auch von verschiedenen Verfassern erwähnt und ergänzen sich! Das ist bei diesen beiden vorstehend erwähnten Bibelstellen definitiv nicht der Fall. Beide Handlungen werden in der ganzen Heiligen Schrift nur ein einziges Mal erwähnt, wobei es sich beim 2. Makkabäer-Buch gar noch un eine ausserkanonische Schrift handelt.

Wenn sich die Kirchenleitung in diesem Zusammenhang auch noch dazu hinreissen lässt, wie in der Schrift Der Jenseitsglaube der neuapostolischen Christen gemacht, fehlende Begründungen damit zu begründen, 'dass kirchliche Bräuche und Handlungen, die als allgemein gültig und anerkannt angesehen waren, in den Schriften der Urkirche oft gar nicht besonders erwähnt wurden und auch nicht zu erwähnt werden brauchten', dann ... ja dann ist das ein eigentlich lächerlicher, in Anbetracht der vielen arglos-unkritischen Gläubigen jedoch trotzdem sehr wirkungsvoller Akt von Hilflosigkeit.

Eine andere von der NAK missachtete Grundregel der Bibelauslegung ist die, dass Gott sich niemals widerspricht. Konkret bedeutet das: Den Bibelstellen, die als Grundlage für eine gottgewollte Lehre benutzt werden, dürfen andere Bibelstellen nicht widersprechen. Wie obige Aussagen selbst in ihrer Unvollständigkeit noch zeigen, ist dies bei den von der NAK zur Legitimation des Entschlafenenwesens benutzen Bibelstellen jedoch der Fall.

Selbst die gerne zitierte Begebenheit aus 1. Petrus 3, 19, wo Petrus erwähnt, dass Jesus nach seiner Auferstehung den Geistern im Gefängnis predigte, ändert nichts an der Aussage, dass das Entschlafenenwesen mit der Sakramentsspendung an Verstorbene keinen konkreten Anhalt in der Bibel hat, also nicht biblisch begründet werden kann. Nur ein paar Verse weiter stellt Petrus in Bezug auf dieses Ereignis klar: ... aber sie werden Rechenschaft geben müssen dem, der bereit ist, zu richten die Lebenden und die Toten. Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, daß sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist. (1. Petr. 4, 5+6) Auch hier wird also keine vorzeitige Erlösung und kein Weg aufgezeigt, der die Seelen der Verstorbenen vor dem Endgericht bewahren könnte.

Es sei hier abschliessend nochmals die bereits im Teil 1 zitierte Aussage des Bezirksapostels Günter Knobloch (der sich intensiv mit dem Entschlafenenwesen beschäftigte) aus seinem Schreiben an Stammapostel Urwyler aufgeführt: "Weil der Herr Jesus keine Vorschriften für die Arbeit an den Entschlafenen hinterlassen hat, wenigstens befinden sich solche nicht im Neuen Testament, sind die Apostel in ihrer Entscheidung frei, nach gangbaren Wegen der Hilfe zu suchen."

Interessanterweise findet sich in der Bibel nun aber auch kein Auftrag, nach solchen "gangbaren Wegen" zu suchen. Die Frage sei deshalb erlaubt: Müsste dieses Fehlen von Auftrag und Anweisungen nicht eigentlich den Schluss nahelegen, dass Gott den Aposteln gar keine solche Aufgabe zugedacht hat und sie ihm daher nicht mehr und nicht weniger als einfach nur "ins Handwerk pfuschen"? 

Im Widerspruch zum Glaubensbekenntnis

Ein Glaubensbekenntnis ist eine formelhafte und konzentrierte Zusammenfassung der wesentlichen Glaubenswahrheiten, ein Credo (ich glaube) der Kirche und der Gläubigen. Es ist ein Selbstbekenntnis der Lehrenden und Gläubigen, nach diesen grundlegenden Glaubenssätzen lehren und leben zu wollen. Zugleich ist es auch Richtlinie, wie die Heilige Schrift verstanden werden will. Das Glaubensbekenntnis ist somit die grundlegende Verfassung der Kirche.

Der seit 1992 geltende, etwas über die Verstorbenen und das zukünftige Geschehen aussagende 9. Glaubensartikel der Neuapostolischen Kirche lautet: Ich glaube, dass der Herr Jesus so gewiss wiederkommen wird, wie er gen Himmel gefahren ist, und die Toten in Christo sowie die lebenden Brautseelen, die auf sein Kommen hofften und zubereitet wurden, verwandelt und zu sich nimmt, dass er nach der Hochzeit im Himmel mit diesen auf die Erde zurückkommt, sein Friedensreich aufrichtet und sie mit ihm als Könige und Priester regieren. Nach Abschluss des Friedensreiches wird er das Endgericht halten, wo alle Seelen, die nicht an der Ersten Auferstehung teilhatten, ihr Teil empfangen, wie sie gehandelt haben, es sei gut oder böse.

Wer an dieser sogenannt heimholenden Wiederkunft gemäss der fett hervorgehobenen Passage dieses Glaubensartikels teilnimmt, ist gemäss einer Sondermitteilung von Stammapostel Richard Fehr an die Amtsträger der Neuapostolischen Kirche vom Dezember 2004 wie folgt definiert: ...die dann auf Erden lebenden vollendeten Gerechten und die Toten, die in Christo gestorben sind. Und nach unserer Erkenntnis ebenso die Verstorbenen, die die Gotteskindschaft erst in den Gottesdiensten für Entschlafene empfangen haben.

Abgesehen von dem für viele neuapostolische Christen unbedeutenden Detail, dass die hier von Stammapostel Fehr erwähnte Erkenntnis wie gezeigt biblisch nicht begründet ist, sind nun verkündete Lehre und der 9. Glaubensartikel stimmig.

Zu bedenken ist jedoch: Paulus sagt nichts von Verstorbenen, die im Jenseits versiegelt wurden, sondern: Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. (1. Thes 4, 16+17)

Das war nicht immer so mit der Übereinstimmung von verkündeter Lehre und diesem 9. Glaubensartikel. Bis 1992 galt in Bezug auf das Entschlafenenwesen der 9. Glaubensartikel nämlich inhaltlich in der Fassung von 1914 (1938 zwar etwas modifiziert, jedoch mit inhaltlich gleicher Aussage). Und die lautete für die oben fett hervorgehobene entscheidende Stelle: Ich glaube, dass der Herr Jesus wiederkommen wird, so gewiss wie er gen Himmel gefahren ist, und dass bei seinem glorreichen Erscheinen die Erstlinge aus den Toten und Lebenden, die auf sein Kommen gehofft haben, verwandelt und mit ihm vereinigt werden;.

Wer mit Erstlinge gemeint war, sagt uns der neuapostolische 'Katechismus', das Büchlein Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben, Ausgabe 1992. Darin findet sich diese bis zur Änderungsmitteilung vom November 2005 gültige Erklärung für Erstlinge: ... Sie sind versiegelt mit dem Geist Christi und haben in ihrem Leben unwandelbare Treue dem Herrn gegenüber bewiesen.

Damit ist klar: Die verkündete Lehre über den (zwar biblisch nicht begründeten, aber so doch wenigstens neuapostolischen) Erlösungsplan für die Seelen im Jenseits stand mindestens von 1914 bis 1992, also 78 Jahre lang, eindeutig im Widerspruch zu diesem 9. Glaubensartikel. Da musste der Heilige Geist bestimmt erst als gewaltiger Sturmwind durch die Herzen der Apostel pfeifen, bis entsprechend dem neuapostolischen Grundprinzip der fortschreitenden Erkenntnis dieser Widerspruch entdeckt und - anstatt die biblisch nicht begründbare Lehre zu überdenken - der Glaubensartikel angepasst wurde.
Nachtrag vom 18.03.2007:
Im Artikel 'Glaube in der NAK - Versuch einer Standortbestimmung' zeigt der Verfasser auf, was sich die NAK mit der Aufnahme von Lehrmeinungen und Dogmen ins Glaubensbekenntnis eingehandelt hat und welche Konsequenzen ein Nicht-Glauben oder Missachten von Glaubensartikeln hat. » zum Artikel

Der geneigte Leser mag sich in diesem Augenblick vielleicht Fragen stellen wie: Wem darf ich noch glauben, wenn sogar Apostel das Glaubensbekenntnis, also die grundlegende Verfassung der Kirche, während Jahrzehnten einfach missachten und anderes lehren als es im Glaubensbekenntnis festgehalten ist? Oder: Wie lange dauert es, bis die verkündete Lehre wieder einem Glaubensartikel, dem Credo (ich glaube) widerspricht? Oder: Ist das Glaubensbekenntnis, das die zentralen Glaubensinhalte und deren Verständnis festlegen sollte, nur eine bedeutungslose Variable, die beliebig der sich öfter ändernden Lehre angepasst werden kann, sofern man es nicht "vergisst"?

Hören Sie, wir wissen es auch nicht

Anstelle eines Schlusswortes zu diesem Teil sei hier eine Begebenheit aus Theodore Fontanes Roman Der Stechlin erwähnt, wo sich der kranke, alte Dubslav von Stechlin kurz vor seinem Tod Gedanken über seinen Pastor macht, der nicht viel von Unsterblichkeit und Erlösung spricht: Anfangs hab ich mich gewundert, weil ich mir sagte: Ja, solch ein Talar- und Bäffchenmann, der muß es doch schließlich wissen; .... Ja, man verlangt doch, daß einer weiß, wie es um einen steht... ist grade, wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen: Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten...
Entgegen der Ankündigung im Teil 1 dieser Ausarbeitung konnte hier wegen der länger dauernden Auswertung des umfangreichen Materials geschichtliche Ereignisse im Entschlafenenwesens wie z.B. die Aussonderung von Amtsträgern für das Jenseits noch nicht behandelt werden.

Drucken  13.03.2007 01:17

Lesen Sie dazu auch die Kommentare unserer Leser:

Gerlinde Bodtke am 18.03.2007 22:40

Es ist bei der Lehranpassung im Entschlafenenwesen genauso wie mit allen anderen Lehränderungen oder Schärfungen: Sie wirken hilflos, übereilt erstellt, theologisch oft zweifelhaft und von daher schon mit eingebautem Verfallsdatum versehen.

Nach meiner Meinung, besteht das Grundproblem aller Lehränderungen darin, daß die NAK in Bezug auf das "Wort Gottes" seit jeher einen völlig überzogenen Anspruch erhebt. Den Gläubigen wurde eingeimpft, daß die Predigt, > das "Wort vom Altar" ausschließlich dem Geist Gottes entspringt. Es ist die völlige, reine Wahrheit. Der dienende Amtsträger ist lediglich der "sprechende Mund Gottes". Von daher ist es nicht kritisierbar und eigentlich unwandelbar. Es ist im Glaubensgehorsam anzunehmen. > Vollständig und ohne eigensinnig zu überprüfen, zu reflektieren oder gar in Nuancen abzulehnen. So wird es der Kirche selbst unmöglich, Fehler einzugestehen, oder Irrlehren zu verwerfen. Das Predigtwort der Amtsträger wurde "vergöttlicht" und Gott irrt eben nie. Noch in der Spirit-Ausgabe 03/2006 ist zu lesen:
(...)
Bezirksapostel Leber stellte dazu in einem Seelsorgebrief unter dem Stichwort Glaubensgehorsam klar: „Hinsichtlich des geistgewirkten Worts der Predigt kann der Herr in der Tat Gehorsam erwarten. Dasselbe gilt, wenn in Familienbesuchen und Versammlungen in nahtloser Übereinstimmung mit dem Wort der Predigt Rat erteilt wird. (...)

Wenn das nun schon immer so war, > schon immer Gott der eigentlich Sprechende und Alleinwirkende war, wie will man dann Lehränderungen den Gläubigen plausibel erklären? Etwa damit, daß Gott ständig seine Meinung ändert? Das kann man nicht tun. Aber das nicht jedes gesprochene Wort (am Altar Gottes) dem heiligen Geist entspringt, daß vieles nur menschlicher Meinung entspricht, daß möchte man auch nicht zugeben. Was würde die NAK dann noch von anderen christlichen Kirchen unterscheiden? Die Gläubigen kommen in den Gottesdienst um ausschließlich dem "Worte Gottes" zu lauschen. Nur dort spricht der wahrhaftige Gott zu ihnen. Wenn das nicht mehr im vollem Umfang gewährleitet wäre( und so behauptet würde), ist der herrausragende Anspruch gegenüber anderen Kirchen dahin. Schließlich erhebt die NAK zudem den Anspruch, daß alleinige Vollendungswerk Gottes zu sein. Geht also auch nicht.(?) Ein Dilemma eben.

Speziell die Lehraussagen über das neuapostolische Entschlafenenwesen, wecken seit jeher sehr große Hoffnungen bei den Gläubigen und die will man ihnen sicher nicht nehmen. Ist doch die Vorstellung, daß liebgewonnene, aber andersgläubige Verwandte und Bekannte, auch noch im Jenseits ihre "große Chance" bekommen, sehr verlockend und tröstend. Damit wären auch sie "aus dem Schneider", wenn es einst für alle anderen zum Endgericht geht.

Es wird dann oft damit argumentiert, daß Gott von einer Wahrheit in die andere leitet. Von einer Erkenntnis in die andere. Soweit - sogut. Das darf aber nicht heißen, daß Gott irgendwann einmal gelogen hätte. Weiterführende Erkenntnisse müßten also auf alten Lehraussagen aufbauen. Konkrete Widersprüche, wie hier geschildert ( 78 Jahre stand die verkündete Lehre im Widerspruch zum 9. Glaubensartikel) dürfte es gar nicht geben. Neue Erkenntnisse dürften also nicht zur völligen Ungültigkeit alter Lehraussagen führen. Damit würde man Gott der (früheren) Irreführung beschuldigen. Alles schwer zu bewältigen und unter einen Hut zu bekommen, für die neuap. Kirchenleitung.

Außerdem kommt es mir so vor, als vollzöge man Lehränderungen immer ein wenig "klammheimlich" und wohldosiert. Ich habe den Eindruck, daß viele Gläubige an der Basis davon gar nicht viel mitbekommen (sollen).

Erst wenn man diesen und andere überzogene Ansprüche aufgibt, wird man glaubhafte Lehränderungen in allen Bereichen angehen können. Fehler können zugegeben werden, Irrlehren verworfen werden, ohne das sich die Kirchenleitung stets in einer "Zwickmühle" befindet. Das ständige Herumgeeire wird unnötig. Frühere Fehlentwicklungen/aussagen (auch über das Entschlafenenwesen) werden korrigiert und ein erster Schritt in Richtung Ehrlichkeit wäre vollzogen.

Gerlinde Bodtke am 23.03.2007 06:23

An dieser Stelle möchte ich einmal auf ein Schriftwort aufmerksam machen, daß wir in 2. Kor. 5, 10 finden können. Dort lesen wir die Worte des Apostel Paulus:

"Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse." (2. Kor. 5, 10)

Wenn wir nun diese Worte mit dem offiziellen Jenseitsglauben der NAK vergleichen, fällt doch auf, daß selbst ein Apostel Paulus davon ausgegangen ist, einst vor ein Gottesgericht gestellt zu werden.

Nun bezeichnet die NAK die damaligen Urchristen und die Urapostel als ihre Geschwister und ich frage mich ernsthaft, wieso die NAK ihre Gläubigen in eine, wie ich finde, falsche Gewissheit führt. Denn den NAK-Mitgliedern, die einst zu den Erstlingen gehören sollen, wird suggeriert, nicht vor ein Endgericht gestellt zu werden. Selbstverständlich würde das auch für die Geschwister und Apostel der Urkirche zutreffen. Doch diese Annahme steht im Gegensatz zu dem oben angeführten Pauluswort.

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